Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Oh Heiland, reiß die Himmel auf

So beginnt eines der Adventslieder im Gesangbuch.  2020 ging mir dieses Lied schon vor der Adventszeit oft über die Lippen:

„Oh Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf

reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für.“

In sehr emotionalen Bildern wird in diesem Adventslied um das Kommen Gottes in diese Welt gebetet. Wenn er kommt, ändern sich die Dinge auf der Erde: Verschlossenes wird aufgeschlossen, in dürrem Land regnet es und Blumen wachsen und blühen. In einer trostlosen Welt gibt es einen Ort von Trost und Geborgenheit. In Finsternis scheint ein heller Lichtstrahl hinein.

„O Erd, schlag aus, schlag aus o Erd,
dass Berg und Tal grün alles wird.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.“

Der Dichter dieses Liedes, Friedrich Spee (1591-1635), war Katholik, ja noch mehr, er war Jesuit. Da zuckt man als gut Evangelischer erst mal zusammen. In der Kirchengeschichte waren es ja oft die Jesuiten, die angetreten waren, die abtrünnigen Evangelischen wieder der wahren Kirche zuzuführen. Auch Friedrich Spee war nicht frei davon. Aber in dieser Sache glücklicherweise nicht sehr erfolgreich.

Etwas anderes in seinem Leben ist für mich viel wichtiger, und das hat mit diesem Lied zu tun: Die Bitte um das Kommen Gottes in diese Welt, die Bitte um einen Advent, ist die Bitte um Gerechtigkeit auf dieser Welt. Für Friedrich Spee wurde ein Bereich zur Lebensaufgabe. Auch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden viele Frauen der Hexerei beschuldigt; sie wurden gefoltert und oft auf grausame Weise hingerichtet. Friedrich Spee hat das selbst in seinem Umfeld miterlebt.

Und es hat ihn beschäftigt, Tag und Nacht nicht losgelassen, und so hat er nachts unter Bächen von Tränen, wie er selbst schreibt, eine Schrift verfasst, in der er sich mit diesen Anschuldigungen der Hexerei beschäftigt, die ‚cautio criminalis‘. Sein Urteil über die Hexenprozesse der Kirche ist eindeutig: Die Inquisition ist vom Teufel erfunden und eine Einrichtung des Bösen. Alle Anklagen gegen Hexerei sind erlogen. Sie beruhen auf Neid, Gerüchten, Aberglauben und Missgunst, gerade gegenüber gebildeten, vermögenden Frauen, die oft angeklagt wurden, weil sie einer männerdominierten Kirche ein Dorn im Auge waren. Schonungslos deckt Spee in seiner Schrift die Schuld der Fürsten und der Kirche auf. Das eigentliche Übel seien die willkürlichen Beschuldigungen und das bloße Verdächtigen, weil den angeklagten Frauen jedes Recht und jeder Rechtsbeistand verweigert wurde. Friedrich Spee hat sich für sie eingesetzt, so gut es ging.

Der Advent Jesu ist ein politisches Geschehen, auch heute. Und so gilt diese Botschaft für mich heute:

„Reiß die Wolken auseinander und komm und sorge für Gerechtigkeit.“

Und ich denke an das, was mich beschäftigt:

„Reiß die Himmel auf, und hilf auf den Flüchtlingsschiffen Leben zu retten, dass niemand ertrinken muss.“

„Reiß die Himmel auf, und gib Frieden in Kriegsgebieten, einen gerechten Frieden“. Und ich bringe vor Gott die Situation etwa in Berg-Karabach und das Leiden unserer armenischen Brüder und Schwestern.

„Reiß die Himmel auf, und steh denen bei, die in Krankenhäusern und Pflege Menschen beistehen, die an Covid19 erkrankt sind. Und sorge auch für gerechtere Strukturen im Gesundheitswesen.“

Friedrich Spee selbst kannte übrigens die Situation einer Epidemie. Mitten im Chaos des 30jährigen Krieges war er als Seelsorger in Trier, als dort die Pest ausbrach. Er kümmerte sich im Chaos um Schwerverletzte, sammelte Geld für Bedürftige und betreute Sterbende. Und dann wurde er selbst mit der Seuche infiziert und starb 1635 im Alter von erst 44 Jahren.

„Oh Heiland, reiß die Himmel auf … .“

Auch im Advent 2020.

 

 

 

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