Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Wenn sich Wut in Mut verwandelt – Ein neuer Job mit 70: Hilfs-Mesnerin Gisela Gündert

(10.07.2021) Die Atmosphäre erinnert an den Vorverkauf der Staatstheater für Premierenkarten des Balletts: Alle Besucher, die Schlange stehend Einlass zum Sonntagsgottesdienst begehren, betrachten den Plan, den Gisela Gündert ihnen vorlegt und lassen sich einen Sitzplatz zuweisen. Sie lotst einen Gehbehinderten an den Wartenden vorbei, rät einem Seniorenehepaar zu Plätzen mit guter Akustik, schlägt den Agilen einen Platz auf der Empore vor - und man spürt: es macht ihr Spaß. Dass sie mit 70 Jahren nochmal etwas Neues anfangen würde, was mit Verantwortung und Zuverlässigkeit zu tun haben würde, findet sie ganz normal. Dass sie jedoch Hilfsmesnerin werden und damit Markus Friedrich und Hartmut Ritter bei allem unterstützen würde, was organisatorisch und technisch anfällt, das findet sie selbst lustig. „Mit Kirche hatte ich bis vor einigen Jahren nicht sooo viel am Hut“, gibt sie zu. Und schüttelt lachend ihren Kopf: „Wer hätte das gedacht?!“

310703 Gisela Gündert
Tatsächlich wirkt es so, als sei sie seit Jahrzehnten wichtiges Gemeindeglied. Die meisten kennen sie – rührig, „schaffig“, zupackend, blitzschnell Zusammenhänge und Risiken erkennend und entsprechend handelnd. Zur Not auch lautstark und auf Englisch. Sie selbst kennt zwischenzeitlich viele mit Namen. Bis zum Jahr 2015 schien so etwas unvorstellbar. Damals bummelte die Katholikin nach einem gemütlichen Markteinkauf auf dem Heimweg am Aushang der Stiftskirche vorbei und las, dass Stiftspfarrer i.R. Manfred Bittighofer den Abendmahlsgottesdienst gestalte. „Ha, da geh´ ich hin, den haut´s um, wenn der mich in der Stiftskirche sieht“, amüsierte sie sich. Doch es kam anders: Der von gemeinsamen Zeiten am Königin-Katharina-Stift vertraute Kollege blieb stehen – und sie war ein bisschen von den Socken; von seiner Predigt. Das anschließende Gespräch mit ihm führte sie zum Bibelkurs. Die anfängliche Skepsis und Unsicherheit dauerte einen Kursabend – und kurz darauf meldete sie sich für den Besuchsdienst an. Eine ehrenamtliche Tätigkeit kam zur anderen – und nun ist sie Hilfsmesnerin.

In welche Richtung es mit der kleinen Gisela gehen würde, war gute sechs Jahrzehnte zuvor noch ziemlich unklar. Als älteste von letztendlich fünf Geschwistern reiste sie Mitte der 50-er Jahre mit ihren Eltern nach Indien. Damals war sie viereinhalb. Ihr Vater hatte – wie neun andere Familienväter auch - den Auftrag angenommen, für die Daimler-Benz-AG im ostindischen Jamshedpur mit „Tata Motors“ ein Nutzfahrzeugwerk aufzubauen, und so zog die noch kleine Familie gen Fernost. Spielerisch lernte Gisela Gündert viele Menschen, ungewohntes Essen, fremde Sitten und Bräuche, aber auch soziale Unterschiede und das Festhalten daran kennen. Während sie die farbenprächtigen, duftintensiven, stundenlangen Zeremonien und Feiern faszinierend fand, spürte sie rasch: „Soziale Unterschiede machen keinen Menschen besser als den anderen.“ Dabei hätte sie das Leben im Herrenhaus ja auch einfach genießen und sich verwöhnen lassen können. Die kleine Gisela fand es aber viel spannender, in ungewohnten Sprachen und bei aufregenden Spielen mit allen Menschen, die ihr begegneten, zu kommunizieren. Die Schule fiel ihr leicht, Englisch konnte sie bald fließend, und mit knapp neun Jahren schipperte sie gemeinsam mit der größer gewordenen Familie auf dem Frachtkahn sechs Monate lang zurück bis nach Rotterdam. Echt jetzt? Auf dem Frachter? „Ja klar, da gab´s ein paar Kabinen für Passagiere, und das war toll! Wir hielten in vielen Häfen, und ein belgischer Jesuit hat mir während der Zeit auf See ganz nebenbei die französische Sprache nahegebracht“, strahlt sie.

Doch Intelligenz und zwei Fremdsprachen halfen nichts. Das Gesundheitsamt befand das Kind für zu klein und untergewichtig, deshalb musste es in der Schule zu Jüngeren in die Klasse. Der Trotzkopf haderte, dachte sich einen Streich nach dem anderen aus und rächte sich für die Unterschätzung allerorten. Die Schulkameraden waren begeistert, die Pädagogen weniger. „Mein Vater war Dauergast bei den Lehrern, ich weiß nicht, wie oft der zum Gespräch gebeten wurde“, sagt sie heute.

Missverstanden von einer etwas hilflosen Erwachsenenumgebung, flüchtete Gisela Gündert sich in die Literatur. In „Pippi Langstrumpf“ erkannte sie eine Seelenverwandte; stundenlang lebte sie über Erich Kästners, Erich Maria Remarques, Johannes Simmels, Heinrich Manns und Thomas Manns Romane in ihrem eigenen Universum. Und das mit dem Universum – das wurde dann nach dem Abitur am Königin-Katharina-Stift auch wahr. Allen Ratschlägen zum Trotz, studierte sie Luft-und Raumfahrttechnik. Den Raketenflugschein hätte sie bestimmt gemacht, gäbe es so etwas, aber es wurde dann der Segelflugschein. Beim Akademischen Kreis „Akaflieg“ arbeitete sie in der Werkstatt mit, was ihr ebenso wie die Praktika bei Mercedes und Porsche besonders zusagte: „Studenten der Akaflieg konstruieren und bauen selber Segelflugzeuge und warten ihren Flugzeugpark.“ Freiheit, Luft und Technik - Gisela Gündert war in ihrem Element.

Nach der Diplomprüfung brachte ein Kommilitone, der Maschinenbau studiert hatte, sie dann auf die Idee, ihr Wissen in die von Personalknappheit geplagte Pädagogik einzubringen. Und so unterrichtete sie an ihrem früheren Gymnasium Mathematik, Physik und etwas später auch Informatik. „Das konnte damals keiner, das war klasse“ - ihre Augen funkeln spitzbübisch hinter der modischen Brille.

Und dann folgte er. Der Riss. Ein unspektakulärer Kreuzbandriss, zugezogen mit 47 Jahren beim Skifahren. Von dem Versuch, konservativ behandelt zu werden, ließ er sich nicht beeindrucken. Gisela Gündert stimmte einer Operation zu und verabschiedete sich von den Kollegen „für drei Tage.“ Die Zahl stimmte – allerdings wurden es drei Jahre. Ein multiresistenter Keim zwang sie für insgesamt 36 Monate ins Krankenhaus. 65 Vollnarkosen, Tage und Nächte voller Qual und Zweifel und niederschmetternde Diagnosen brachten sie an ihre Grenzen. Gegen Ende der stationären Behandlung sagte ein Chirurg zu ihr: „Sie müssen sich jetzt entscheiden. Wollen Sie im Rollstuhl leben oder wollen Sie aus jedem einzelnen Tag das Maximum herausholen?“ Gisela Gündert war wütend auf ihn. Was verstand er, der problemlos aus dem Krankenhaus spazieren konnte, von ihrem Schmerz? Die Wut verwandelte sich. In Mut. Jeden Tag probierte sie einen Schritt mehr. Mit Schmerzmitteln. Ein halbes Jahr später bestieg sie die Teck. Schweißgebadet, entkräftet - und stolz. „Ja, der Chirurg hat das gemacht, was Jesus mit dem Gelähmten gemacht hat: er hat mich berührt. Und aufgefordert zu gehen“, sagt sie.

Zurück im „Katzenstift“, wie ihr Gymnasium von Ur-Stuttgartern liebevoll genannt wird, arbeitete sie als Rektoratsassistentin, erstellte Stundenpläne, betrieb die bauliche Sanierung, widmete sich dem Schularchiv und entdeckte eine immer stärker wachsende Leidenschaft für Geschichte. Hatte sich die studentische Begeisterung für Historisches eher auf Himmlisches, also auf Kosmonauten und Astronauten bezogen, so stand nun die bodenständige württembergische Geschichte im Mittelpunkt ihres Interesses. Das, was sie im Schularchiv zu Königin Katharina und der Entwicklung der einstigen Mädchenschule fand, ließ sie weiterrecherchieren.

Und was sie anpackt, zieht sie durch. Inzwischen ist sie Expertin für Königin Katharina, hat ein Gemälde von Carl von Sales identifiziert und arbeitet als Lektorin für verschiedene Autoren, unter anderem („und das besonders gerne!“) für Michael Davidis, Historiker und Buchwissenschaftler, der bis zum Jahr 2012 für die Kunstsammlungen, die Photographische Sammlung, die Musikaliensammlung sowie die Sammlung historischer Sachzeugnisse des Schiller-Nationalmuseums und Deutschen Literaturarchivs in Marbach verantwortlich war.

Die Festschrift „200 Jahre Königin Katharina-Stift“ aus dem Jahr 2018 war eine Kooperation mit dem Stuttgarter Historiker Wolfgang Kress, mit dem Gisela Gündert befreundet war, und der im November 2019 plötzlich starb. Ein ehemaliger Kollege sprang dann ein, um den Text zu vervollständigen. „Ich habe insgesamt die Recherchen gemacht, Rohtexte geliefert und mit dem Grafiker zusammen das Layout gemacht“, sagt sie nachdenklich.

Ja, und Michael Davidis war es auch, der die studierte Luft- und Raumfahrttechnikerin auf Schillers Fährte lotste. So lektorierte sie sein Werk „Schiller und die Seinen“, das im Ende Juni 2021 im Wallstein-Verlag erschien. Was also liegt näher, als der Hilfsmesnerin Gisela Gündert nun auch die Festschrift für das Stiftskirchen-Jubiläum zu überantworten?

Wir dürfen gespannt sein. Denn was sie anpackt, zieht sie durch.


Und hier noch ein paar Fragen der anderen Art:

Auf Ihrem „Dank-Zettel“ steht heute Abend …
… kommt drauf an: wie groß darf er denn sein?

Der Psalm, der mich durch Alltag und Sonntag trägt, lautet …
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23)

Faust oder Die Räuber?
Faust! Er ist faszinierend in der Besessenheit, mit der er nach Erkenntnis strebt und der Bedenkenlosigkeit, mit der er sich Mephisto übergibt.

Bärentatzen oder Computermäuse?
Computermäuse! Bärentatzen sind meines Wissens Süßigkeiten, und ich mag keine.

Achterbahn oder Neckarschifffahrt?
Eher noch Achterbahn. Diese Ausflugsfahrten auf dem Neckar finde ich total langweilig. Das Beste wäre aber Fallschirmspringen!!

Wenn eine gute Fee mir drei Wünsche erfüllen würde …
… dann hätte ich nur einen: Mein rechtes Bein soll ebenso gut funktionieren wie das linke. Manchmal renne ich im Traum...aber mehr Wünsche habe ich nicht, den Rest kriege ich selber hin!

 

 

 

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