Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Segensspuren: Doris Beck – empathische Citydiakonin voller Lebenserfahrung

Eigentlich kennt sie ihr Einsatzgebiet bislang nur „maskiert“. Seit Oktober 2020 ist Doris Beck Citydiakonin und damit für die Citykirchenarbeit der Stiftskirche, der Hospitalkirche und der Leonhardskirche zuständig. Und bis zu diesem heißen Sommertag gilt in der City weitgehend Maskenpflicht. Hat sie überhaupt schon ein Gefühl für die Menschen „ihres“ Wirkungsbezirkes? „Ich bin grundsätzlich neugierig auf Menschen und ihre Geschichte, und immer mal wieder, wenn ich durch die Stadt spaziere, bitte ich Gott, mir zu zeigen, dass er da irgendwo ist“, lächelt sie. Und tatsächlich – zahlreiche Begegnungen während der vergangenen acht Monate verdeutlichten es: „Gott ist da! In den ungewöhnlichsten Menschen; und meistens in den stillen.“

Rund 18 Jahre lang lebte und wirkte Doris Beck als Diakonin in Schwäbisch Gmünd. Dass sie jetzt den Sprung nach Stuttgart gewagt hat, erklärt sie so: „Ich spürte so einen leisen Wechselwunsch und die Lust auf Neues, Unbekanntes. Als mir dann die Stellenausschreibung für die Citydiakonatsstelle begegnete, hatte ich das Gefühl, Gott locke mich in neues Land, und da konnte ich nicht widerstehen.“

„Wir schweigen am frühen Morgen des Tages, weil Gott das erste Wort haben soll, und wir schweigen vor dem Schlafengehen, weil Gott auch das letzte Wort gehört“. Dieser Empfehlung Dietrich Bonhoeffers folgt Doris Beck seit 3 Jahrzehnten. Kaum ein Morgen, den sie ohne Stille und Gebet beginnt. Erstmals erlebt hat sie dieses mittlerweile liebgewonnene Ritual während des freiwilligen sozialen Jahrs im südhessischen Bensheim in einer ökumenischen Lebensgemeinschaft. Der täglichen einstündigen Stille folgte damals ein Austausch, in dem jede und jeder erzählte, was sie und ihn in der Stille bewegt hat. Nichts von dem Gesagten wurde kommentiert. Alles wurde stehen gelassen und genau dadurch gewürdigt. „Dieser Einblick in die Erfahrungswelten der Anderen hat meinen Blick enorm geweitet, mich sehr beschenkt und geprägt“, erzählt sie. Für sie war die Zeit in Bensheim eine Zeit des Reifens. Ihr stilles und teils noch unbewusstes Sehnen nach Gott, nach Gotteserfahrungen, verwandelte sich in ein Bedürfnis.

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Aufgewachsen in Bad Urach als jüngstes von drei Kindern, kannte Doris Beck umtriebiges, pflichtbewusstes Handwerkerleben, in dem sich Beruf und Privatleben kaum trennen lassen. Ständig saßen viele Menschen um den großen Tisch hinter der elterlichen Backstube, arbeiteten, planten, rechneten und aßen zusammen. Aber nicht nur das Familienleben prägte das Mädchen. Auch eine Diakonisse, Schwester Sophie, kümmerte sich liebevoll um und brachte sie zur Jungschar. Dort im ejw machte sie, wie sie es rückwirkend empfindet, ihren ersten „tiefen Weg“ und entdeckte ihr Interesse, ja: ihre Faszination „für die Menschen – und für Gott“.

„Irgendwie haben mich die Fragen des Lebens und nach Gott immer fasziniert, und es war ein Geschenk, dass ich immer Menschen begegnet bin, die mit ihrem Leben darauf Antwort gegeben haben.“ Prägend war zum Beispiel ein Jugendreferent in Bad Urach, der ihr während einer pubertären Zerrissenheitsphase sagte: „Genauso brauchen wir Dich – mit Deinen Zweifeln, mit Deinen Fragen.“

Dieser Faszination folgend studierte sie Religionspädagogik und Gemeindediakonie an der evangelischen Fachhochschule Freiburg. Dort lebte sie in einer diakonischen Hausgemeinschaft mit elf anderen zusammen; zwei von ihnen mehrfach behindert. „Eine wertvolle, intensive, dichte Zeit“, sagt sie heute. Das Diplom in der Tasche, kam eine Phase der Unsicherheit: „Ist das überhaupt mein Weg? Kann und will ich wirklich in einer Kirchengemeinde als Diakonin arbeiten? Reicht mein Können und Glauben für diesen Beruf aus oder wäre eine Schreinerlehre doch die bessere Wahl gewesen?“

Um diesen wichtigen Fragen nachgehen zu können, zog sich Doris Beck für drei Monate ins Tessin zurück, um bei einem Verein für Beratung und Seelsorge Atem zu schöpfen. Und um die Freundschaftsikone „Christus und Abbas Menas“ zu entdecken. Je öfter sie die Ikone betrachtete, umso mehr wurde das Band zwischen Menas und Jesus ein Bild für ihre eigene Freundschaft mit Christus. Es ermutigte sie, den eingeschlagenen Berufsweg weiter zu gehen.

Im Tessin wurde ihr eine neue Stufe an Klarheit und Stärke vermittelt. Also sagte sie „Ja“ zu einer Stelle. Weit weg von Württemberg. In Weitenhagen, einer damals kaum 1000 Einwohner umfassenden Gemeinde südlich von Greifswald, zu dem das Haus der Stille der Pommerschen Landeskirche gehörte. Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung. Ein geplagter Landstrich, in dem nur ein Fünftel der Einwohner christlich geprägt war. „Obwohl die Suche nach Orientierung überall spür- und hörbar war“, erinnert sie sich; nur driftete diese Sehnsucht in andere Richtungen. „Es war wie das Ankommen in einer anderen Welt, trotz derselben Sprache hatten die Menschen dort völlig andere Wege der Sozialisation durchlaufen. Es war ein spannender Prozess, einander Anteil zu geben an der je eigenen Geschichte“, erzählt Doris Beck. Auch das Aufgabenfeld war alles andere als alltäglich. „Christenlehre“ für die Kinder, „junge Gemeinde“ für die Jugendlichen, Seniorennachmittag, Konfirmandenunterricht, Kirchenführungen für Schulklassen, die noch nie eine Kirche betreten hatten und vieles mehr.

Morgens vor der 8-Uhr-Andacht läutete Doris Beck nun von Hand die Glocke der kleinen romanischen Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert, vor dem Mittagsgebet um 12 Uhr erneut. Samstags putzte sie das Kirchenschiff und schmückte den restaurierungsbedürftigen Altarraum. Sie verwaltete den Friedhof und organisierte Friedhofseinsätze, sie zeigte Präsenz, konnte gestalten und war interessiert an den großen und kleinen Geschichten der Menschen. So viel Tatkraft und Interesse an ihrer Geschichte beeindruckte die Pommern, die sie im Stillen beobachteten. Und ihr Humor entwaffnete. „Als ich während einer Kinderstunde wissen wollte, ob die Kinder eine Geschichte von Jesus kennen würden, fragte ein Junge „Ist der neu hergezogen?“ Doris Beck lacht herzlich - ihre kurzen braunen Locken wippen fröhlich mit. „Was ich damals erlebte und auch hörte, berührt mich bis heute. Die Geschichten der Menschen aus der Nachkriegszeit und den Jahrzehnten unter dem DDR-Regime waren Geschichtsunterricht hautnah.“ Behutsam nähern sich die Pommern und die junge Frau aus dem Südwesten an, tauschen sich aus, entdecken gemeinsames Sehnen und Suchen, essen und trinken zusammen. Hört man Doris Beck bei ihren Erzählungen zu, sieht man in ihren dunkelbraunen Augen, dass die Ost-West-Verbindung noch immer trägt.

Mit diesem Erfahrungsschatz folgte sie dem nächsten Impuls. Ein Sozialpädagogik-Studium an der Fachhochschule Reutlingen von 1999 bis 2002 erfüllte gleich zwei Wünsche auf einmal: sie konnte endlich einmal in einer WG in Tübingen leben und einen staatlich anerkannten Studienabschluss absolvieren. Dass natürlich auch in dieser Zeit die Neugier auf noch Unbekanntes in ihr weiterlebte, davon profitierte die Bewährungshilfe in Reutlingen, bei der sie das Praxissemester absolvierte. „Bei so etwas lernt man sich selbst nochmals ganz neu kennen, und wie viele Lebenswelten es parallel zu der eigenen gibt“, sagt sie heute. Und ist froh, damals schon Lebenserfahrung gesammelt, reflektiert und innere Kraft getankt zu haben.
Ja – und dann folgte Schwäbisch Gmünd. 18 Jahre verbrachte sie zu je 50 Prozent für die Kirchengemeinden und Gemeindeentwicklung sowie für Projekte im Kirchenbezirk und in der Beratungsarbeit im Kreisdiakonieverband. Die Jahre mit Menschen in extremen außergewöhnlichen seelischen Verfassungen haben sie geprägt. Und souverän werden lassen. So geht sie heute unerschrocken auf Menschen zu.

Ob in der Essensschlange vor der Vesperkirche oder am Wegesrand. „Menschen, auch denen am Rande unserer Gesellschaft, zu ermöglichen, eine Begegnung mit Gott oder sich selbst zu erfahren, ist für mich das, was ich als Berufung empfinde.“ Dabei bezeichnet sie sich selbst als „Mit-Suchende“. „Ich bin wirklich keine Wissende. Aber ich kann mitsuchen.“


Und hier noch ein paar Fragen der anderen Art:

Auf meinen Danke-Zettel schreibe ich heute …
… die Namen von vielen wunderbaren und beeindruckenden Menschen, denen ich begegnen durfte und die mein Leben reich machen

Meine Lieblingsstelle in der Stiftskirche ist aktuell …
… der Schutzmantelchristus

Heilungsgottesdienste sind für mich …
… Kraftorte, die wir für uns selbst nutzen und noch viel mehr für Menschen anbieten sollten.

Lebendig ist für mich eine Kirchengemeinde, …
- in der Menschen den Herzschlag Jesu für sich selbst und für diese Welt suchen und sich davon bewegen lassen;
- die Bonhoeffers Erkenntnis beherzigt: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. …, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.“;
- in der man Fehler machen darf und Experimentierfreude in der Luft liegt;
- die Liebe ausstrahlt und in der sich Menschen angenommen fühlen;
- in der es ehrlich zugeht und in einer Atmosphäre des Vertrauens auch Brüche des Lebens miteinander geteilt werden können, Versöhnung gesucht und füreinander gebetet wird.

Der Vers, der mich durch meinen Alltag trägt, …
… ist eine Ermutigung in Josua 1, die in Vers 9 mündet: “Ich sage dir noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“

Träubleskuchen oder Greifswalder Mett?
Donauwelle

Caspar David Friedrich oder Oskar Schlemmer?
Caspar Davids Friedrichs Kreidefelsen, am liebsten vor Ort in live und Farbe

Riesling oder Hefeweizen?
Einen guten Tropfen trockenen Rotwein zieh ich dem Hefeweizen immer vor

Wenn eine gute Fee kommt und ich ihr drei Wünsche nennen darf, dann sind das …
Ich würde sie zu einem Kaffee einladen und das „Wunschkonzert“ in aller Ruhe und vertraulich mit ihr besprechen.

 

 

 

Gemeindebrief

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